Von:
Susanne Breit-Keßler

e-gott.de

Was, wenn Gott einer von uns wäre, singt Joan Osborne in einem Lied mit wunderbar rockigem Gitarrensound ("One of us"). Was, wenn er ein Fremder im Bus wäre, der seinen Weg nach Hause sucht... Wenn Gott einen Namen hätte, wie würde er lauten und – könnte man ihn damit anreden, wenn man ihn träfe? Gott, heißt es am Ende des Liedes, ist allein und mehr oder weniger incognito. Außer dem Papst in Rom ruft ihn vermutlich niemand per Telefon an.

Was wäre, wenn? - Sehnsucht und Zweifel, dazu etwas Ironie, die beides entschärft. Bei Heinrich Böll war es bitterer Humor, als er in "Dr. Murkes gesammeltes Schweigen", einer maliziösen Satire über die neu arrangierte Nachkriegsgesellschaft, von "jenem höheren Wesen, das wir alle verehren" sprach. Biblisch fundierter, durch eigene Erfahrungen vitalisierter Glaube kennt Gefühle von Spott bis Sarkasmus, weiß um Zynismus und Hohn. Gott fordert nicht allein Verehrung, sondern auch Widerspruch heraus.

Abseits des Ringens mit ihm, neben allen möglichen und unmöglichen Beschreibungen, gibt es aus christlicher Sicht auch einen Indikativ, eine Wirklichkeitsform Gottes. Er ist "one of us" und er hat einen Namen, mit dem man ihn anreden kann. Gott besitzt ein menschliches Gesicht, wie es Jesus von Nazareth hatte: Das eines Babys, eines Kindes, eines jungen Menschen, eines Erwachsenen. Er hat ein Gesicht, das lacht und zugewandt ist, das trauert und leidet, voll Zorn stecken und sich entziehen kann.

Das Gesicht Gottes ist ein wandelbares, aber ein unverwechselbares. Seine Züge sind geprägt von Liebe, von Geist und von Freiheit. Wer - gleich in welcher Form - geistigen, seelischen und körperlichen Terror im Namen Gottes ausübt, meint einen anderen als den christlichen oder hat sich von ihm weit entfernt. Der menschliche Gott, Vater und Mutter in einem, wie es die Bibel vielfältig beschreibt, hat – mit Verlaub – zwei hervorstechende Eigenschaften: Er lebt in Beziehung und ist dynamisch.

"Ich bin, der ich bin und ich werde sein, der ich sein werde" sagt Gott im Alten Testament zu denen, die er liebt und die er befreien wird. Das ist eine – von Menschen aus Glauben und Weisheit heraus formulierte – Selbstbeschreibung Gottes, die in dem neutestamentlichen Jesus Christus so konkret geworden ist, wie es nur geht. Denn mehr geht nicht für Mensch und Gott als zum wahren Menschen zu werden – wobei letzterer erfolgreicher dabei ist, als es unsereiner je sein wird. Mensch in beiderlei Geschlecht versucht eher Gott zu spielen und gerät so zum Unmenschen: Allmachtswahn in Familie, Beruf und Politik, herrenmenschliche Computerspiele, real- grausige Kriege... Das alles gibt es und noch mehr. "Wenn ich der liebe Gott wär", hat Ödon von Horváth geschrieben, "würd' ich alle Menschen gleich machen. Einen wie den anderen – gleiche Rechte, gleiche Pflichten! Aber so ist die Welt ein Saustall." Es steht zu fürchten, dass absolute Gleichheit keine Besserung brächte.

Die Herkunft des Bösen wird oft genug Gott angelastet. Wie kann, wie konnte er das nur zulassen? Die Frage ist verständlich, hilft aber nie weiter. Wer Freiheit hat, sich zu entscheiden, der trägt auch Verantwortung - unbeschadet all der Verstrickungen, in die Mann und Frau von Jugend auf geraten. Ein erwachsenes Kind Gottes mag über dessen Anteile am Weltgeschehen grübeln. Vernünftigerweise wird es sich immer auch mit den Gründen für temporäre eigene Unmenschlichkeit auseinandersetzen. "Es gibt nicht nur keinen Gott, sondern versuch mal, am Wochenende einen Klempner zu kriegen" witzelte der Jude Woody Allen. Über diesen Satz kann man zwerchfellerschütternd lachen – besonders, wenn man samstags oder sonntags schon hilfsbereite Handwerker in den eigenen vier Wänden gesichtet hat.

Weniger lustig ist ein Brief in meinem Besitz - voll geifernder Religionskritik, Häme über Gottes Bodenpersonal und einer Kette von Beweisführungen über die Nichtexistenz von Transzendenz. Am Ende des Briefes fordert der Schreiber: "Nehmen Sie Stellung dazu, wieso Sie trotz aller Informationen und Argumente noch immer an Gott glauben!" Am liebsten würde ich – ganz schlicht und überzeugt - antworten: "Es gibt Gott, weil er sich gibt". Vermutlich lohnt es sich darüber hinaus, eine feinsinnig- behutsame Äußerung Arthur Schnitzlers näher zu reflektieren. Er hat in seinem "Buch der Sprüche und Bedenken" formuliert: "Dass wir Gott ahnen, ist nur ein unzulänglicher Beweis für sein Dasein". Er fährt fort: "Ein stärkerer ist, dass wir fähig sind, an ihm zu zweifeln." Das tut zu Zeiten jeder, der an Gott glaubt.